Noch mehr Bücher

Nein, diesmal ist das kein Ködertitel für gewisse ungeduldige Leser, sondern der Anlass für eine kleine Buchbesprechung.

Vor einigen Tagen kam Sascha, keine Ahnung, wo er damals gewesen war, nach hause und brachte ein Buch mit, das er spontan gekauft hatte. Der Titel, wie man sich nun fast schon denken kann, ist „Schlechter Sex“. Band 1, um genau zu sein. Darin erzählen 33 Frauen in 33 Geschichten über ihre schlechten Erfahrungen mit dem vermeintlich starken Geschlecht. Band 2 behandelt dann logischerweise die Fehler der Frauen. Ich fand die Idee ganz interessant und habe dann, nachdem das Buch ein wenig einstaubte, Anfang dieser Woche begonnen, auf den uns aufgezwungenen Bus- und Bahnfahrten darin zu stöbern.

Es fesselte mich auf Anhieb, ließ sich leicht lesen und die Fahrten im Nu verfliegen (Zu schnell für meinen Geschmack. Wenn ich gerade im Lesefluss bin, möchte ich nicht gerne aussteigen. Aber ich will ja auch nicht in Poppenbüttel landen oder so.). Witzig war es auch, andere Fahrgäste zu beobachten, wenn ich das Buch aus meiner Tasche holte, da es ein schwarzbuntes Cover hat, auf dem sich das Wort SEX in dickem Weiß gut hervorhebt. Der ein oder andere schockierte, amüsierte oder pikierte Blick traf mich. Es ist übrigens gut, dass der Zusatz „Schlechter“ etwas kleiner und unauffälliger ist. Hamburgs Pendler sollen ja nicht den Eindruck gewinnen, ich würde ein Selbsthilfebuch zu besagtem Thema lesen - nein danke, kein Bedarf.

So viel zu meiner anfänglichen Entzückung. Diese hat sich leider in den letzten 2 Tagen in Enttäuschung und Missmut verwandelt. Habe ich zuerst noch mitfühlend den Kopf geschüttelt, wenn ich von den unzähligen Unsäglichkeiten der männlichen Inkompetenz las oder schmunzelnd das Buch näher an mein Gesicht gehoben, wenn „spannende“ Szenen detailliert ausgeschrieben wurden, bin ich jetzt mit jeder gelesenen Seite mehr ernüchtert und sogar ein wenig sauer.

Als erstes war mir aufgefallen, dass die Frauen, die dort von ihrem Unglück berichten, zum Teil schlimmer sind als die Männer, über die sie herziehen. Natürlich sind einige von ihnen wahre Opfer männlicher Charakterschwächen, anderen wiederum könnte ich nur ein „Selbst Schuld.“ entgegnen, wenn sie mir persönlich von ihrem Leid erzählt hätten. Denn obwohl die Männer im Fokus stehen, erkennt man doch in der Erzählung gut den Charakter der Autorinnen (es handelte sich wahrscheinlich um Interviews, die nachträglich bearbeitet wurde, jedoch kommt die persönliche Note gut durch). Es sei gesagt, ich bin keine große Emanze, deshalb kann ich mich nun auch, ohne irgendwelche meiner Ideale zu verraten, über die Fehler der Frauen auslassen. Die meisten der Protagonistinnen haben entweder ein übersteigertes Selbstwertgefühl, irrationale Komplexe, eine (für mich) kranke Einstellung zu Sex oder sind einfach zu Naiv. Gefühlsduselei pur, Eifersucht, viel zu viel Verliebtheit, Dummheit. Ich mag das jetzt nicht alles mit Textauszügen schmücken und betone gerne an dieser Stelle, dass das hier meine sehr subjektive Meinung ist - manche Weiber sind mir einfach unsympathisch.

Das an sich ist aber eigentlich nicht genug, um mir die Laune zu vermiesen. Wenn ich die Frau nicht mag, ist es halt Schadenfreude statt Mitgefühl, was ich empfinde wenn sie eine miese Nacht beschreibt. Ein weiterer Störfaktor ist, dass (ich habe gezählt) in 13 der 33 Geschichten übermäßiger Alkoholgenuss die Wurzel allen Übels ist. Das Buch vermittelt den Eindruck, ohne 10 Cuba Libre intus könne man gar keinen Sex haben - was zur Hölle? Ich habe nichts gegen Alkohol, trinke aber eher wenig, da ich nicht viel vertrage. Die Damen in den besagten Geschichten scheinen ihren Grenzpunkt auch gut zu kennen und ihn willentlich zu überschreiten. Da wird dann gemeckert, wie müde sie doch sei, wie schlecht es ihr doch ginge und dass der Kerl neben ihr beim Sex nicht durchhält - äh ja. Ich war nie eine große Partygängerin und hatte daher bislang wenig Kontakt mit Leuten, die sich “bis zum Stillstand der Augen” besaufen. Nach diesem Buch möchte ich diesen Zustand auch eindeutig nicht ändern.

Zuletzt muss ich sagen, dass es bei dem Buch einfach jemand zu gut gemeint hat mit der Anzahl der Geschichten. Hätte es nach der 20. aufgehört, wäre es zwar bedeutend dünner gewesen, aber mir wären viele Enttäuschungen erspart geblieben. Hierzu sei gesagt, dass jede Geschichte neben einem Titel auch eine weitere Überschrift im Format “Die xte Todsünde des Sex: [Name der Todsünde]” hat. Das fand ich anfangs sehr nett. Die Sünden wie Egoismus, Gier, Brutalität usw. passten gut zu den Geschichten und gaben schon vor dem Lesen einen Vorgeschmack auf die Dinge, die da kommen würden. Allerdings haben Todsünden ja so die Angewohnheit, besonders schlimm zu sein. Sonst wären sie ja auch keine Todsünden, sondern so 0815-Sünden, die man sich mal erlauben kann und für die man nicht gleich in der Hölle landet. Und hier passt etwas nicht. Todsünden des Sex - Tabus, die nie gebrochen werden dürfen, da sonst alles in die Brüche geht. UND DANN 33 STÜCK?! Ich meine, hey. Sex ist an sich schon ein heikles Thema, wie soll man da denn noch permanent darauf achten, so viele Fehler zu vermeiden? Am besten bewegt man sich gar nicht mehr, nein halt, das ist sicher auch eine Sünde, Trägheit oder so. Also wohl gar kein Sex, um auf Nummer sicher zu gehen.

Worauf ich hinauswill, ist “in der Kürze liegt die Würze” oder auch “Weniger wäre mehr gewesen”. Nicht nur werden die vermeintlichen Todsünden gegen Ende immer schwammiger, sie wiederholen sich teilweise auch, versteckt im Schleier eines Synonyms, oder passen schlichtweg nicht zur Geschichte. Bei “Orientierungslosigkeit” denke ich im Bezug auf Sex zumindest nicht an den Fakt, dass jemand (der Orientierungslose himself) nach dem Abi in seiner Heimatstadt wohnen geblieben ist, statt in die Welt hinauszuziehen. Das ist mir zu weit hergeholt und “auf Krampf” betitelt.

Aber genug gemeckert. Fazit ist, dass ich nicht unbedingt bereue, “Schlechter Sex” gelesen zu haben. Das Buch hat mir einige Fahrtzeit vertrieben, war teilweise sehr anregend geschrieben und hatte auch wirklich wahre und nachvollziehbare Aspekte. Auch würde mich jetzt interessieren, was in Band 2 so über uns Frauen steht. Dennoch ist es kein Buch, dass ich empfehlen oder verschenken würde. Das wär schon quasi eine Todsünde der Unterhaltung.